Trinkkuren – der Weg von damals zu heute

Wann begann die Geschichte der Trinkkuren, wann hatten diese Anwendungen ihre Blütezeit und werden sie heute noch genutzt? vitanet.de hat bei Prof. Dr. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, nachgefragt.

Frau trinkt Wasser © Thinkstock

vitanet.de: Herr Prof. Jütte, wann haben die Menschen denn das erste Mal regelmäßig die Wirkung von Wasser aus Heilquellen genutzt?

Prof. Jütte: Schon in römischer Zeit gab es Thermen. Dort wurde das Wasser, das beim Baden am Körper guttat, gelegentlich auch getrunken, insbesondere wenn Quellheiligtümer in der Nähe waren. Aber die eigentliche Geschichte der Trinkkuren beginnt erst im 16. Jahrhundert, und zwar in einem der berühmtesten Kurorte Europas – nämlich in Karlsbad. Allerdings wurde im 16. und 17. Jahrhundert in den Mineralbädern noch hauptsächlich gebadet und weniger getrunken. Erst im 18. Jahrhundert ging dieser Badetrend zurück und die Blütezeit der Trinkkuren begann. In den berühmten Bädern des 18. Jahrhunderts wie Spa in Belgien, Aachen und Bad Pyrmont, wo sich die deutsche Intelligenz einfand und Künstler wie Goethe kurten, fanden ausschließlich Trinkkuren statt, die zu einer richtigen Modeerscheinung wurden. Das war der Beginn des systematischen Trinkens – und zwar Unmengen. Das ist heute unvorstellbar: Die Menschen mussten zwanzig Liter und mehr pro Tag trinken.

vitanet.de: Das war doch bestimmt gesundheitsgefährdend.

Prof. Jütte: Heute wissen wir das. Wir wissen, dass wenig trinken ein Problem ist, aber zu viel trinken eben auch. Damals galt: Viel Wasser spült aus. Nach dem damaligen Verständnis der Säftelehre war es wichtig, den Körper zu reinigen. Und dazu gehörte eben auch, sehr viel zu trinken.

vitanet.de: Welche Nebenwirkungen konnte dieses übermäßige Trinken haben?

Prof. Jütte: Das kommt immer auf die Zusammensetzung der Quelle an, also welche Mineralien im Wasser enthalten sind. Es gab zum Beispiel Quellen in Bad Schwalbach, die bekamen den volkstümlichen Namen „Furzbrunnen“. Und in Leukerbad in der Schweiz gab es die sogenannten „Kotzquellen“. Diese Namen beschreiben ganz gut, was passiert ist, wenn man zu viel von diesem Quellwasser getrunken hat.

vitanet.de: Bei welchen Krankheiten wurden die Trinkkuren damals eingesetzt?

vitanet.de: Wie Sie bereits erzählt haben, kamen im 18. Jahrhundert Kaiser, Könige und berühmte Künstler in die immer eleganteren Kurorte. War die Trinkkur damals so beliebt, weil sie in Mode war oder weil sie so erfolgreich war?

Prof. Jütte: Der gesundheitliche Aspekt war damals eher Nebensache. Es ging darum, dass sich die feine Gesellschaft in den Kurorten traf. Bei der Kur konnte man sich mischen, wie es in der sehr ständisch geprägten Gesellschaft des 18. Jahrhundert sonst nicht möglich war. Beim sogenannten „Promenieren“ kamen die Spitzen der Gesellschaft, Kaiser und Könige, mit dem gehobenen Bürgertum zusammen, das sich solche Kuraufenthalte leisten konnte. Es gab Musik, man flanierte mit dem Trinkbecher in der Hand und trank demonstrativ.

vitanet.de: Zunächst basierte die Wirkung der Trinkkur ja auf Erfahrung und Überlieferung. Wann gab es denn die ersten chemischen Analysen, um die Inhaltsstoffe der Wässer festzustellen, die Wässer entsprechend zu typisieren und ihre Wirkung zu untersuchen?

Prof. Jütte: Das begann im 19. Jahrhundert. Zwar versuchte man schon vorher – soweit das mit den Analyseverfahren des 18. Jahrhunderts möglich war – die Zusammensetzung der Mineralwässer zu beschreiben. Aber die chemische Analytik, wie wir sie heute kennen und wie sie auf jeder Mineralwasserflasche zu finden ist, kam erst mit dem Fortschritt der Chemie im 19. Jahrhundert. Ab 1870 gab es dann auch den ersten Lehrstuhl für Wasserheilkunde – die sogenannte Hydrotherapie. Dort befassten sich Mediziner zum ersten Mal wissenschaftlich mit dem Thema.

vitanet.de: Warum geriet die Trinkkur im 20. Jahrhundert dann eher wieder in Vergessenheit?

Prof. Jütte: Das gesellschaftliche Umfeld änderte sich, es kam der Erste Weltkrieg, und auch die Struktur der Badeorte änderte sich. Abgesehen davon gab es schon früh Kritik, dass nicht das Trinken, sondern zum größten Teil die Wirkung des Klimas und die veränderte Lebensweise für die positive Wirkung auf die Gesundheit verantwortlich seien. Dazu kommt, dass es auch in der Medizin Modeerscheinungen gibt und die Trinkkuren von ärztlicher Seite später einfach nicht mehr so stark empfohlen wurden.

vitanet.de: Und es wurden auch immer mehr Medikamente entwickelt.

Prof. Jütte: In der Tat ist es so, dass wir bis in die 1930er Jahre – von Aspirin mal abgesehen – so gut wie keine wirksamen Arzneimittel hatten. Das hat sich auch geändert.

vitanet.de: Und wie sieht es heute aus? Gelten die Trinkkuren in der Naturheilkunde als etabliertes, anerkanntes Verfahren?

Prof. Jütte: Im medizinischen Wörterbuch für Naturheilkunde steht, dass die Trinkkur heute noch bei Nieren-, Leber- und Blasenleiden eingesetzt wird. Insgesamt spielt sie im Vergleich zu anderen Verfahren aber keine große Rolle mehr.

vitanet.de: Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Jütte!

Unser Experte
Prof. Dr. Robert Jütte leitet das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung und lehrt an der Universität Stuttgart im Fachbereich Neuere Geschichte. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Sozialgeschichte der Medizin und die Wissenschaftsgeschichte. Außerdem ist er Herausgeber der Zeitschrift „Medizin, Gesellschaft und Geschichte“.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 16.05.2012
  • Autor/in: Redaktion vitanet.de: Nina Prell, Medizinredakteurin
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